„Wir haben einen neuen Held…!“

„Wie kannst du nur ohne Schultasche in den Bus steigen?“ Simmerls Mama konnte für sein Malheur heute überhaupt kein Verständnis aufbringen: „Gut, dass dein Kopf angewachsen ist!“ Und dabei hätte Simmerl ihr doch so gerne erzählt, wie er zum Held des Tages geworden war. Das ereignete sich nämlich folgendermaßen:
Simmerl fuhr, wie jeden Tag, mit dem Fahrrad zur Bushaltestelle. Leider verspätete er sich ein bisserl und weil er noch mit den anderen spielen wollte, stellte er seinen Ranzen gleich neben dem Fahrrad ab. Normalerweise, also wenn er genügend Zeit gehabt hätte, dann hätte er natürlich seinen Ranzen am Zaun abgestellt, wo auch alle anderen Kinder ihre Schultaschen abstellten. Als der Bus dann heranfuhr, hüpfte er hinein und merkte erst, dass er seinen Ranzen hatte stehen lassen, als sie vom Dorf hinaus waren. Zum Glück hatte er sein Handy eingesteckt und wählte die Nummer seiner Mama: Steige ich eben im nächsten Dorf aus, sie holt mich ab, wir lesen den Ranzen auf und sie fährt mich zur Schule. Ungefähr acht Mal, dann gab er auf, denn Mama hob nicht ab.
Verlegen war Simmerl noch nie, also stapfte er von ganz hinten nach ganz vorne und sprach: „Herr Busfahrer, du musst umkehren. Ich habe meine Schultasche vergessen. Bitte.“ Bitte schadet bestimmt nicht, dachte Simmerl, und Mama sagte ja auch immer, wer höflich ist, kommt am weitesten. „Nein. Wie stellst du dir denn das vor? Du siehst doch selber, was das für Eselwege sind.“ Doch so leicht gab Simmerl nicht auf. Im Bus war es mucksmäuschenstill. Alle wussten: Kehrt der Busfahrer um, kommen wir zu spät in die Schule. Wider Erwarten ließ sich der Busfahrer aber doch von Simmerls Argumenten überzeugen, und er wendete. Simmerl musste aussteigen und schauen, dass er nicht den Ranken runterfährt. Peter, ein guter Spezi von Simmerl, stimmte sofort ein Lied an: „Wir haben einen neuen Held! Simmerl ist der neue Held!“ Bis auf Lieselotte sangen alle eifrig mit.
Nun gut, Mama wollte anscheinend nicht wissen, warum er ein Held geworden war. Also erzählte Simmerl seinen Aufstieg bei den Freunden Papa. Doch es dauerte nicht lange und Mama trieb Papa zur Eile: „Jetzt mach dich fertig. Wir sind doch heute bei den Ehrbachers eingeladen.“ Ausgerechnet. Papa mochte die Frau Ehrbacher nicht, weil sie stets alles besser wusste und niemand so perfekt war wie sie. Simmerl hatte direkt Erbarmen mit Papa. Andererseits freute er sich auf einen Abend ohne Eltern, denn dann konnte er mal wieder richtig loslegen und seine Schwester Mitzerl traktieren.
Mama Schuster rief während der Fahrzeit für Papa alle guten Manieren in Erinnerung und bat ihn inständig, nicht auf Frau Ehrbachers Sticheleien einzugehen: „Ich weiß es ja selber, Herr Ehrbacher geht ja. Aber sie!“ Papa schnaufte tief durch und warb bei Mama vorbeugend um Verständnis, wenn er sich heute Abend ein paar Weißbier zu viel gönnen sollte. Das machte im Übrigen Herr Ehrbacher auch immer.
„Ach wie schön! Ihr habt eure Kinder zu Hause gelassen. Ja dann können wir wirklich einen ruhigen Abend verbringen“, Frau Ehrbacher zupfte eingebildete Flusen von Mama Schusters Mantel: „Herr Schuster, die grauen Haare machen Sie interessant.“ Schon beim Eintreten hätte Papa der Frau Ehrbacher am liebsten in den Bauch geboxt. Mama Schuster lächelte gestellt, wehrte Frau Ehrbachers Hände ab und erkundigte sich höflich: „Wie geht es Lieselotte?“ Und schon legte Frau Ehrbacher los: „Stellen Sie sich vor Frau Schuster, unsere Lieselotte ist heute zu spät in die Schule gekommen, weil so ein Blödian seinen Schulranzen hat stehen lassen!“ „Herr Ehrbacher, ich hoffe, Sie haben genügend Bier kaltgestellt“, Papa Schuster konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

© Christel Schuster

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