Wer Familie hat, braucht Marmelade!

Wer Teil einer Familie ist, dem wird es nicht langweilig. Derweil sehnte sich Mama Schuster geradezu nach Langeweile! Ungeduldig verfolgte sie am Montagmorgen den Uhrzeiger. Wortfaul saß sie in der Küche. Mitzerl und Simmerl stritten. Oder schauten ins Smartphone. Unfassbar wie lange der Zeiger brauchte von 6.45 auf 7.15 Uhr vorzurücken! Ob die Uhr kaputt ist?

Mama Schuster konnte es kaum erwarten bis die Kinder und Papa aus dem Haus waren. In Ruhe frühstücken, die Zeitung lesen, ein bisserl dumm schauen. Sie freute sich seit Freitagmittag auf die kleine Stunde am Montagvormittag. Das war ihr Zeitfenster. Diese Stunde gehörte ihr und heute wollte sie weder putzen noch waschen noch sonst irgendeine Hausarbeit erledigen. Sie hielt die Luft an, als die Kinder im Hausgang standen und ihre kleine Auszeit schon zum Greifen nahe war. Kaum schlug die Haustüre ins Schloss, sauste Mama Schuster zum Kühlschrank. Sie liebte Aprikosenmarmelade! Voller Vorfreude schnappte sie das Glas, bestrich eine Semmel dick mit Butter. In Gedanken notierte sie alle Personen, die sie heute anrufen musste.

„Mama! Wir haben den Bus verpasst!“ Ausgerechnet. Sie stand auf und ohne ein Wort zu sagen hörte sie sich an, wie es dazu gekommen war. Eigentlich wollten die beiden heute zu Fuß zur Haltestelle laufen. Simmerl schleppte seine Sporttasche mit und Mitzerl eine Riesentüte wegen Kunst. Weil Simmerl nun doch mit dem Rad fahren wollte packte er Mitzerl auf den Gepäckträger. Es kam natürlich wie es kommen musste: Die zwei strauchelten und es hat sie geschmissen. Meine Auszeit verschiebt sich nur. Mama Schuster biss die Zähne fest zusammen, verkniff sich jedweden Kommentar und kutschierte die beiden in die Schule. Ihre Freude war zwar etwas getrübt, aber nicht weg. Froh, das morgendliche Verkehrschaos mit hupenden oder nicht blinkenden oder von Haus aus absichtlich falsch fahrenden Verkehrsteilnehmern überstanden zu haben, eilte sie in die Küche. Sie schüttete den kalten Kaffee in den Abfluss und schenkte sich ein frisches Haferl ein.

Unterdessen dachte sie an den gestrigen Sonntag. Unterwegs zum Feuerwehrfest begegnete ihnen auf der Landstraße die Haidner Oma. Mama Schuster trat die Bremse, die Haidner Oma auch. Beide fuhren sie rückwärts. Ein kleiner Ratsch, so viel Zeit muss sein. Unwillkürlich lachte Mama Schuster, als sie vor ihrem inneren Auge sah, wie schief die Oma rückwärts fuhr, gefährlich nahe am Ranken und schließlich den Straßenstempen umfuhr. „Hoppala. Hab´ ich den umgefahren?“, sagte sie noch und Simmerl war bereits aus dem Auto gesprungen, um den Stempen wiedereinzusetzen. Mama Schuster schlürfte den heißen Kaffee. Normalerweise schlürfte sie nicht. Zuerst wollte sie den Kieferorthopäden anrufen. Simmerl hatte sich am Freitagabend ein Bracket von der Zahnspange ausgebissen. Die Mesnerin vom Nachbardorf durfte sie nicht vergessen. Beim Sonntagsgottesdienst erhielten alle Firmlinge ihr Zeugnis. Nur das von Simmerl hatte der Pfarrer nicht dabei. Endlich saß sie am Tisch. Vor ihr die bestrichene Buttersemmel und das Glas Aprikosenmarmelade. Ihr Telefon klingelte.

Es war Mitzerl: „Mama, ich habe einen Fünfer.“ Es rauschte. „Mama, ich kann nicht lange telefonieren. Pause ist gleich vorbei.“ Die Verbindung war schlecht und Mama Schusters Laune jetzt ebenfalls. Warum hat die jetzt einen Fünfer? Wir haben doch gelernt. Da sauste eine Sprachnachricht daher, Mitzerl hatte einen Fünfer in ihrer Schultasche gefunden und fragte, ob sie mit ihrer Freundin zum Mäci gehen darf. Klar, alles war besser als ein Fünfer in Mathe. Mama Schuster blätterte in der Zeitung. Sehr schön, Simmerl riesengroß drin, aber kein Firmzeugnis in der Hand. Mama Schuster griff nach dem Marmeladenglas und sie wurde schon wieder gestört. Caritas-Sammlung. Weil sie es nicht kleiner hatte und die erste auf der Liste war, spendete sie mehr oder wenig freiwillig 20 Euro.

Zurück am Tisch liebäugelte sie wieder mit der Marmelade. Die Uhr verriet ihr, dass von der Stunde gerade mal noch fünf Minuten übrigblieben: Der Uhrzeiger hat jetzt wohl das Gas entdeckt. Mama Schuster seufzte. Sie zog die Beine an und schraubte das Marmeladenglas auf: Herrschaftszeiten! Wer hat das Glas geleert und wieder in den Kühlschrank gestellt?

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