Weihnachten ist, wenn …

… die Barbarazweige an Silvester blühen. Nein. Ein paar Tage früher. Aber bei den Schusters werden die Barbarazweige erst an Silvester blühen, weil Mama dieses Jahr am 4. Dezember nicht an die Heilige im Turm gedacht hatte und die Zweige eine Woche zu spät in die bemalte Milchkanne steckte. Überhaupt vergaß sie so manches. Die Zeit ist auch verdammt knapp, wenn Weihnachten auf einen Sonntag fällt.

In die staade Zeit starteten die Schusters ohne Adventskranz. Mama Schuster hatte schlichtweg vergessen, einen zu kaufen. Papa Schusters Angebot: „Hättest halt was gesagt, dann hätte ich einen gekauft“, tröstete sie nicht. Stattdessen murrte sie: „Du bist lustig! Hätte ich dir gesagt, du sollst einen kaufen, dann hätte ich ja selber dran gedacht.“ Mitzerl und Simmerl hingegen stapften in den Garten, rupften Tannenzweige aus und banden einen Kranz. Naja, vom Tannengrün war am Ende nicht allzu viel zu sehen. Die Kinder sparten nicht mit Draht. Auch das Problem mit den Kerzen lösten sie unproblematisch und schnappten sich die Friedhofskerzen. Mama Schuster hatte stets welche auf Reserve zu Hause. Allerdings nur drei. „Nehmen wir noch die vierte vom letzten Jahr. Die ist fast nicht runtergebrannt.“ Mitzerl fand, dass die blaue Kerze sehr schön zu den roten Friedhofslichtern passte. Die blaue Kerze war geweiht, weil im letzten Jahr hatte Mama Schuster einen Kranz gekauft und in der Kirche segnen lassen.

Überhaupt war die Adventszeit bei den Schusters alles andere als besinnlich. Mama Schuster hetzte von einem Termin zum nächsten. Sie schrieb für die Heimatzeitung und bis zu Heilig Abend hatte sie 94 Weihnachtsfeiern, Christbaumversteigerungen und Nikolausbesuche abgegrast. Mitzerl und Simmerl genossen die Auszeit von ihrer Hausaufgaben- und Gutes-Benehmen-Kontrolleurin. Frei wie der Wind blühten die Kinder auf und ohne ständiges Einbläuen guter Manieren kam es, wie es kommen musste: Simmerl kassierte in der Schule einen Verweis, weil er dramatisch über die Schultasche eines Klassenkameraden stürzte. Für Diskussionen fehlte irgendwie die Zeit und Mama Schuster war eigentlich nur froh, dass er kein Mobiliar mutwillig zerstört oder den Lehrer verbal beleidigt hatte. Sie legte die Rüge in Schriftform auf den Küchentisch, mit der leeren Rückseite nach oben um Kaffeeflecken zu vermeiden. Am nächsten morgen wollte sie Papa Schuster unterschreiben lassen. Natürlich dachte sie nicht daran, als Papa das Haus frühmorgens verließ. Sie hatte es vergessen. Gut eine halbe Stunde später saß sie mit Simmerl und Mitzerl beim Frühstück und blätterte die Zeitung durch. Schuld am sich anbahnenden Unheil war ein Artikel über die Jugendsprache. Voller Eifer erklärte sich Simmerl bereit, Mama Schuster die Sprache beizubringen. Er schnappte sich das nächstbeste Blatt und diktierte: „I bims. Mama vong Simmerl.“ Und schon war es geschehen! Mama Schusters Herz setzte einen Schlag aus und Simmerl lachte Tränen: „Du bist eine Gangster-Mama! Coolste Unterschrift aller Zeiten!“ Er stopfte den Verweis in seine Schultasche. Doch schon am selben Nachmittag sollte Mama Schuster Gelegenheit bekommen, dem Lehrer den Faux-Pax zu erklären. Mitzerl hatte nämlich ihr Turnsackerl nach Schulende, als sie auf den Bus wartete, am Zaun bei der Haltestelle aufgehängt und dann beim Einsteigen vergessen. Weil die neuen Turnschuhe sehr teuer waren, brauste Mama Schuster los, um es abzuholen. Auch suchte sie Simmerls Lehrer auf und nach einer Schriftprobe glaubte er, dass sie es war, die den leidigen Satz auf den Verweis geschrieben hatte.

Zwei Tage vor Heilig Abend war Mama Schuster vier Kilogramm leichter. Zum Alltagsstress gesellte sich nun die Sorge, die Familie vor dem Hungertod zu beschützen: Weihnachten ein Sonntag und dann zwei Feiertage! Angestrengt schwitzte sie über dem Einkaufszettel. Puh! Das wird eine Herausforderung und eine logistische Meisterleistung, zieht man Parkplatzsuche, über eine Million weitere Einkäufer oder Vorbestellungslisten in die Überlegung mit ein. Ob man Feiertage nicht am besten generell abschafft? Allein die Warteschlangen an der Kasse beim Reformationstag und Allerheiligen weckten den Eindruck, dass sich niemand über den geschenkten Feiertrag freute.  Mama Schuster saß nun schon eine geraume Zeit am Tisch, doch ihr Einkaufszettel fiel nicht überdimensional aus. An Weihnachten gibt es Schweinswürstel und Sauerkraut. Ein Festmenü wäre für die Katze, weil die Kinder ohnehin wie Zappelphilippe auf den Stühlen kauerten und nur warteten, bis Papa Schuster das Glöckchen bimmeln ließ für die Bescherung. Anschließend ging die Familie in die Christmette. Der Vorrat an Klopapier oder Spülmittel reichte mit Sicherheit in das neue Jahr hinein. Am ersten Weihnachtsfeiertag kochte die Haidner Oma festlich auf. Die Ente lag bereits tiefgefroren in der Kühltruhe. Was ist mit dem zweiten Weihnachtsfeiertag? Da gingen die Schusters stets fein essen. Schließlich lebt die Gastronomie von Sonn-, Feier- und Festtagen. Sie gönnte sich eine Pause vom Einkaufszettel und lauschte ihren Kindern im Wohnzimmer. Simmerl sagte: „Mitzerl, heuer ist ein ganz besonderes Jahr.“ Das Mädel schaute ihren großen Bruder an: „Warum?“ Er hielt ihr den Kalender unter die Nase: „Der 24. Dezember ist rot, weil es ein Sonntag ist. Dann kommt heuer das Christkind genau dann, wenn alle vier Kerzen am Adventskranz brennen. Das kommt gar nicht so oft vor.“ Und Simmerl freute sich noch mehr: „Wir sparen uns einen Kirchgang, weil wenn abends die Christmette ist, dann ist in der Früh bestimmt kein Gottesdienst.“

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