Mitzerl lernt Rechnen fürs Leben

2 + 2 muss nicht 4 sein. Mit einer Tüte Gummibärchen lernte Mitzerl eine einfache Rechnung für das Leben. Im Krankenhaus, mit einem gebrochenen Arm. Doch erst einmal sechs Wochen zurück in die Vergangenheit, denn die sechs Wochen kamen Mitzerl wirklich wie eine Ewigkeit vor. Kurz vor den Sommerferien durfte sie auf Mama Schusters Pferd ausreiten. Unglücklicherweise stolperte der brave Vierbeiner, Mitzerl stürzte kopfüber in den Bachgraben: Arm gebrochen. Tapfer kämpfte sich das kleine Mädchen durch die Ferien und den Badeurlaub. Mama Schuster kaufte einen wasserdichten Überzug und Mitzerl durfte trotzdem ein wenig im Meer schnorcheln. Den gebrochenen Arm streckte sie, wie Mama es befohlen hatte, artig hoch in die Luft. „Sie sieht von Weitem aus wie ein Hai, dessen Rückenflosse über das Wasser schaut.“ Papa und sogar Simmerl tat Mitzerl leid. Aber heute, sechs Wochen nach dem Sturz, würde sie endlich wissen, ob der Arm wieder geheilt ist.

Vor dem Ärztezimmer saßen reihum Patienten. Die Wartezeit dehnte sich aus. Ungeduldig zupfte Mitzerl Mama am Ärmel: „Da vorne! Schau! Da steht ein Automat mit Süßigkeiten!“ Mama gab nach, ließ sich von Mitzerl zu den Automaten zerren und kramte im Geldbeutel nach Kleingeld: „Was magst du?“ „Gummibärchen!“ Mama schüttete das Kleingeld in ihre Hand. 1,50 Euro passend hatte sie nicht. „Wirf zwei Euro rein. Der Automat wechselt bestimmt.“ Nein. Tat er nicht. Nun gut, Mama wollte sich nicht ärgern und trottete mit Mitzerl gemächlich zurück. Plötzlich blieb das Mädchen stehen. „Ob sie Gummibärchen mögen?“ Mama verharrte kurz und blickte in Richtung Mitzerls ausgestreckten Zeigefinger. Eine alte Frau und zwei alte Männer saßen in Rollstühlen. Die Hände gefaltet und die Köpfe gesenkt schwiegen sie sich an. „Frag sie halt.“ Mama Schuster wollte weitergehen und hielt inne, als Mitzerl auf die drei alten Menschen zuging. „Magst du eins haben?“ Sie fragte alle drei und alle drei griffen mit zittrigen Händen in die Tüte. Jeder nahm sich nur eins und als Mitzerl ein zweites Mal Gummibärchen anbot, lehnten sie ab. Aber, sie hatten alle den Kopf gehoben, lächelten das Mädchen an und bedankten sich.

„Mitzerl Schuster bitte zum Arzt!“ Endlich! Sie war an der Reihe. Vorsichtig befreite sie der Arzt vom Gips und Mamas Befürchtung, darunter könnte es entsetzlich stinken, bestätigte sich zum Glück nicht. Es wurde ein Röntgenbild gemacht: Arm geheilt. Glücklich hüpfte Mitzerl neben ihrer Mama aus dem Krankenhaus, ihren ramponierten Gips unter den Arm geklemmt, denn erst jetzt schmeckten ihr die Gummibärchen. „Hallo! Sie da! Kommen sie doch bitte her!“ Mitzerl und Mama Schuster schauten sich um. Es war einer der Senioren, der nach ihnen rief. Er saß im Taxi und winkte. Verdutzt gingen Mama und Tochter zu dem Mann. Er schubste die Autotür auf, zog seinen Geldbeutel aus der Hosentasche und sagte: „Das ist für dich, weil du mit uns geteilt hast.“ Er streckte Mitzerl seinen knöchrigen Arm entgegen und drückte ihr zwei Euro in die Hand. „Die Gummibärchern sind schon bezahlt.“ Der alte Mann lächelte: „Sind Sie die Mama? Das haben Sie gut gemacht.“

Beim Abendbrot erzählte Mitzerl Papa und Simmerl von ihrem Verdienst. Sie fragte Mama: „Du sagst doch immer, alles was man im Leben hergibt, bekommt man doppelt zurück. Das wären doch dann vier Euro gewesen.“ Mama stockte der Atem. Doch Mitzerl fand die Antwort selbst: „Weißt du, es ist eigentlich egal. Die haben sich so gefreut. Nächstes Mal, wenn ich mir den Arm breche, dann mag ich meine Gummibärchen wieder teilen.“

 

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