Warum ein Pferd pieselt

Zuhause bei Mitzerl gibt es einen ganzen Haufen Pferde. Die Vierbeiner taten eigentlich nichts anderes, als täglich auf der Weide zu stehen und zu grasen. Mama mistete, wie jeden Vormittag, die Ställe aus und Mitzerl vertrieb sich derweil die Zeit, indem sie im Gras hockte und Gänseblümchen pflückte. Doch plötzlich wurde es unruhig, die Viehcher wieherten, galoppierten aufgescheucht über die Weide und Buale trieb Luka in die Ecke. Mitzerl rieb sich die Augen, eigentlich war der Buale ein Braver.  Doch was er jetzt anstellte, das war für Mitzerl zu viel! „Mama!“, ihr Stimmchen überschlug sich: „Komm schnell! Der Buale springt auf die Luka und pieselt sie ab!“ Mitzerl weinte und Mama warf die Mistgabel beiseite, eilte herbei und hob Mitzerl hoch: „Schau, wenn der Buale die Luka abpieselt, dann bekommen wir im nächsten Frühling wieder ein Fohlen.“ Das Mädchen beruhigte sich und alsbald vergaß sie den Deckakt. Weder Mama noch Papa verloren darüber ein Wort. So wichtig war das jetzt auch wieder nicht und bei den Schusters ganz normal. Entweder, Stute und Hengst mochten sich, oder eben nicht. Künstliche Besamung oder Gefriersamen, nein den Aufwand betrieben sie nicht.
Der Sommer verging und im Herbst fuhren die Schusters nach Nürnberg. Papa entschied: „Wir kaufen uns ein Wohnmobil. Dann können wir hinfahren, wo wir wollen und wenn es uns nicht gefällt, dann können wir gleich wieder heimfahren.“ Ausflüge in die Stadt waren eher die Seltenheit und so gab Papa nach und Mama freute sich riesig auf den Stadtbummel. Papa wollte zwar kein Geld mehr ausgeben, weil das Wohnmobil so teuer war, aber für eine Pizza sollte es noch reichen. Wie immer ging Papa mit Sohnemann Simmerl voraus. Mama und Mitzerl trotteten gemächlich hinterher. Es war ein wunderbarer Altweiber-Sommertag und es wimmelte nur so von Menschen. In der Altstadt schrie Mitzerl völlig unerwartet aus Leibeskräften: „Papa! Kannst du mal auf die Mama springen und sie abpieseln! Ich möchte unbedingt eine Schwester haben!“ Entsetzt blieb Papa stehen, lief feuerrot an und brachte kein Wort heraus. Neugierige Blicke hafteten auf den Schusters und etliche Menschen kamen nicht umhin, schmunzelnd mit dem Finger auf die Familie zu zeigen: „Wie geht´s denn bei denen zu?“ Papa kniff die Augen zusammen und schaute ganz zuwider. Und Mama, ja sie lachte, bis ihr Tränen über das Gesicht liefen.

© Christel Schuster