Die Vorbei-Messe am Palmsonntag

 

Früh übt sich, wer ein richtiger niederbayerischer Kirchgänger werden will, oder in Simmerls Fall, dazu verdonnert wird. Gerade hatte der zwölfjährige Bub ein kräftezehrendes Wochenende für Firmbewerber hinter sich gebracht, da nervte seine Mama schon wieder: „Beeil dich! Die Palmprozession beginnt gleich!“ Weil Simmerl mit den Gepflogenheiten eines Kirchgängers nicht unbedingt vertraut war, konnte er nicht verstehen, warum ihn seine Mama in kurzer Hose und T-Shirt nicht mitnehmen wollte. Dazu muss man wissen, seit seinem Bastel-, Bet- und Gruppenstundenmarathon für die Erstkommunion hatte der Bub, mit Papas Einverständnis, seine Kirchenbesuche auf Weihnachten reduziert. Und im Winter ist es ja kalt. Doch des lieben Friedens Willen zog er sich eine lange Hose an. Nein. Keine Jacke. Viel zu warm.
Endlich angekommen vor der Kirche musste er sich mit seiner Mutter in eine lange Schlange einreihen. Sie ließ ihn keine Sekunde aus den Augen und notgedrungen griff er in ein Körbchen. „Los. Such ein Palmsträußerl aus!“ Mama kramte indes nach Kleingeld. Zwei Euro warf sie in eine Dose, darauf stand: Für die Ministranten. „Willst du wirklich einen mit pinkfarbener Blume?“, Mama hielt Simmerl am Arm fest. Nein, wollte er natürlich nicht. Er stöhnte, legte den Palmbuschen zurück ins Körbchen und zerrte einen mit blauer Blume heraus. Leider fexte er schon einige Ästchen ab und grantig polterte seine Mama los: „Du bist unmöglich! Ein richtiger Trampel!“
Die abgerissenen Palmkätzchen purzelten zu Boden und Mama schubste sie mit dem Fuß unter das Tischchen. Dann zog sie Simmerl Richtung Pfarrer, der mit den Ministranten gerade auf den Kirchenvorplatz einzog. „Rühr dich nicht vom Fleck! Ich singe mit dem Chor und nach dem Einzug treffen wir uns in der Kirche!“ Endlich hatte sich seine Mama beim Kirchenchor eingereiht und Simmerl schlich sich spitzbübisch, er ging rückwärts, falls Mama doch noch einmal schauen sollte, Richtung Franzl. Er hatte seinen Freund sofort entdeckt und als er Mama los war, konnte er sich ruhig zu ihm gesellen. „Wo ist denn dein Palmbüscherl?“, wollte Simmerl wissen. „Brauche ich nicht. Das Geld erbarmt mir“, sagte Franzl.
Er grinste über beide Ohren: „Du, deine Mama singt im Chor und meine ist daheim. Komm, wir gehen in die Bäckerei und holen uns einen Krapfen. Ich hab ja noch das Geld vom Palmbuschen.“ Simmerl gefiel die Idee und Mama war vergessen. Die Buben mischten sich unter die Christen und ganz langsam verschwanden sie in der hintersten Reihe. Weil alle dem Pfarrer zuhörten, an ihren Palmbuschen zupften, nörgelnde Kinder beruhigten oder einfach nur von einem Bein auf das andere traten, nahm niemand von ihnen Notiz. Sie schlichen entlang der Kirchenmauer und kaum hatten sie die Hauptstraße erreicht, rannten sie um die Wette, wer als Erster in der Bäckerei ist.
Sie setzten sich auf eine Bank, genossen die ersten warmen Sonnenstrahlen und der Krapfen schmeckte hervorragend. Franzl erzählte, dass sein Papa bei so langen Gottesdiensten auch immer an der Kirche vorbeigeht und sich dann eine Halbe im Wirtshaus kauft. Simmerl musste lachen: „Ja! So kann man es auch machen! Und ist viel lustiger!“
Als die ersten Gottesdienstbesucher aus der Kirche kamen, sprangen sie auf und stellten sich artig etwas abseits der schweren Eichentüre auf. Sie nickten und grüßten, wünschten einen schönen Sonntag. Simmerl sah seine Mama und entschuldigend meinte er: „Ich habe dich leider nicht mehr gesehen. Franzl und ich sind in der letzten Reihe gesessen. Du hattest Recht, jeder gute Christ geht am Palmsonntag in die Kirche und wir bekamen fast keinen Platz mehr. So wichtig sind den Menschen die Feiertage.“ Mamas Augen funkelten zornig: „Wisch dir den Puderzucker aus dem Gesicht!“

© Christel Schuster