Grau ist auch schön

„Was du immer gleich hast! Du glaubst auch jeden Grampf!, Papa schimpfte mit Mama. Die Familie saß am Frühstückstisch und Mama sagte, dass sie heute ein Gespräch mit der Kindergärtnerin habe: „Sie hat gemeint, sie muss mich ganz dringend sprechen.“ Papa hatte nicht vor, Mama weiter zuzuhören, und schlug die Zeitung auf. Mama redete einfach weiter: „Es geht um Simmerl, er malt…“, weiter kam sie nicht, denn just in dem Moment schubste Simmerl sein Saftglas um und der volle Inhalt goss sich über Mitzerl. „Äh. Ja, ich geh dann mal an die Arbeit“, Papa verzupfte sich und Mama stöhnte: „Auch das noch!“
Bis Mitzerl umgezogen und der Boden aufgewischt war, verging die Zeit viel zu schnell und die Schusters schafften es diesmal nicht, pünktlich im Kindergarten zu sein. „Da sind Sie ja endlich. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit“, mürrisch bedeutete die Erzieherin Mama, ihr zu folgen. Mitzerl trollte sich in die Puppenecke und Simmerl kam nicht umhin, sich nun doch zu fragen, was denn eigentlich los ist. Er kaute auf der Unterlippe und da kam ihm plötzlich eine Idee: Ich male der Mama ein Bild! Da freut sie sich bestimmt! Er versetzte seine Freunde in der Bauecke und suchte sich einen Platz am Maltisch.  Weil bald Heuernte war, entschloss er sich, ein Bild davon zu malen. Für Mamas kasige Haxen wählte er einen grauen Stift und Papa, ja der war im Sommer immer braun. Und Mitzerl, ja die war meistens dreckig, da passt schwarz. Grau auch.
Gegen Mittag kam nun Mama und holte die beiden ab. Voller Stolz hielt ihr Simmerl gleich das Bild unter die Nase. Nanu? Sie freute sich gar nicht, schaute sogar traurig aus. Schön langsam wurde Simmerl grantig, hatte er doch den gesamten Vormittag dafür verbraten. Und auf die Bauecke verzichtet! Beim Mittagstisch, nach dem Tischgebet, fing Mama dann endlich an zu reden.  Über Farben, die prächtige Farbenwelt der Natur, wie bunt die Blumen sind oder Clowns. Sie redete ununterbrochen über Farben. Und jeder zweite Satz lautete: „Was sagst du Simmerl? Findest du das auch schön?“ Der Bub konnte sich nicht wirklich einen Reim darauf machen, entschloss sich aber, sicherheitshalber einfach mal mit Ja zu antworten. Aber zufrieden war Mama anscheinend mit seinen abgehackten Ja´s, die schon bald in ein stummes Kopfnicken mündeten, eher nicht und völlig unerwartet fragte sie Simmerl: „Bist du glücklich?“
„Nein“, sagte Simmerl. Wenn Ja nicht richtig ist, dann ist vielleicht Nein richtig, dachte er.  Aber das war total verkehrt, denn Mama fing an zu weinen. Sie umarmte Simmerl, faselte unverständliches Zeug von wegen Termin bei einem Psychologen, schneuzte sich und fragte: „Du Simmerl, warum malst du alle deine Bilder in den Farben grau, braun oder schwarz?“
Endlich eine leichte Frage und Simmerl strahlte bis über beide Ohren: „Ganz einfach Mama! Der Dreck und der Letten oder die Erde sind schwarz, braun oder grau. Das sind meine Lieblingsfarben und die Stifte sind auch immer frei, weil die außer mir keiner braucht und dann bin ich als erster mit der Malerei fertig!“ Plötzlich fing die Mama an zu lachen, ja sie konnte gar nicht mehr aufhören. Sie streichelte Simmerl über den Kopf und sagte: „Du, male halt beim nächsten Bild ein wenig Gras oder Rasen dazu.“ Simmerl verstand zwar nicht warum, aber dachte bei sich: Auf den grünen Stift warte ich garantiert nicht, wenn dann male ich eben dürres Gras hin, weil das ist grau.“

© Christel Schuster

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.