Ein Wiener-Würstchen am Ostersonntag

Die Schuster-Mama schwitzte! Grantig rammte sie Papa den Ellbogen in die Seite: „Jetzt hilf mir halt endlich!“ Doch Papa lehnte sich zurück, schloss die Augen und zischte mit zusammengekniffenen Lippen: „Deine Idee. Ich war eh dagegen.“ Also raufte Mama alleine weiter mit Simmerl. Es war fünf Uhr morgens und Mama hatte sich durchgesetzt: Die Schusters feiern die Osternacht. Und bis gerade eben war alles in bester Ordnung gewesen. Simmerl schlief tief und fest in Mamas Armen und weil er schon so schwer war, waren sie am Osterfeuer vorbei gegangen und setzten sich gleich in die Kirche.
Nun, als der Pfarrer mit den Ministranten in das Gotteshaus zog, zum zweiten Mal „Lumen Christi“ rief und, bis auf Mama, alle „Deo gratias“ antworteten, war Simmerl aufgewacht. Er wand sich in den Armen seiner Mama, strampelte mit den Beinchen und versuchte sich mit seinen Ärmchen aus ihrem Griff zu befreien. Er hatte schon fast eine komplette Umdrehung in seinem Anorak geschafft. Das Unterhemdchen rutschte aus der Hose und Mama versuchte, seinen Nackerbezi-Bauch wieder einzukleiden. „Halt doch endlich still!“ Doch Simmerl krallte sich an der Kirchenbank fest, bohrte seine neuen Schuhe in Mamas Bauch. Er wollte unbedingt wissen, was Mama in das Körbchen gepackt hatte. Papa hielt die Kerze einem Ministranten hin, der das Licht von der Osterkerze an die Gottesdienstbesucher weitergab. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und fragte Mama scheinheilig: „Willst du unsere Osterkerze halten?“ Gerade als Mama etwas erwidern wollte, und ihre zusammengepressten Mundwinkel ließen eher auf eine Unfreundlichkeit schließen, meinte Papa noch scheinheiliger: „Pst. Wir sind in der Kirche. Da ratscht man doch nicht.“
Jetzt hatte auch Simmerl die brennende Kerze entdeckt. Er vergaß das Körbchen und seine Anstrengungen gingen nun dahin, auf Papas Schoss zu klettern. Mama hatte sich eine neue Taktik überlegt und umklammerte ihn mit beiden Armen. Das gefiel dem Buben gar nicht und weil er mit körperlichem Einsatz nicht weiterkam, probierte er es mit seiner Stimme. „Aua!“ Sofort ließ Mama los und alle Blicke in unmittelbarer Nähe richteten sich auf die Schusters. „Das hast du jetzt davon. Ich habe dir doch gleich gesagt, das wird ihm zu anstrengend“, Papa blies die Kerze aus und, nicht ganz ohne Schadenfreude, nahm er Mama Simmerl ab: „Und für dich ist es ja wohl noch anstrengender. Nächstes Jahr gehst du wieder alleine und lässt uns ausschlafen.“
Die Osterfeier war indes bis zum Gloria fortgeschritten und Mama bedauerte es, dass sie eigentlich gar nichts mitbekommen hatte. Simmerl ruhte sich ein wenig aus und schon bald schien er sich von den Machtkämpfen mit Mama erholt zu haben. Als alle Christen ihr Taufversprechen erneuerten, startete er einen weiteren Versuch, um an das Körbchen zu gelangen. Papa ließ ihn gewähren und fing Mamas Hand, sie wollte das natürlich verhindern ab: „Lass ihn ruhig hineinschauen.“ Als er es endlich geschafft hatte, gluckste Simmerl freudig. Er zog das weiße Deckchen, welches Mama extra bestickt hatte, beiseite. „Mhm!“, brabbelte Simmerl und zog ein Wiener Würstchen heraus. Papa, er hatte das Würstchen heimlich zwischen Osterlamm, Eiern, Salz, Weihwecken und Schinken versteckt, kramte weiter und reichte ihm dazu eine Breze. „Das gehört sich doch nicht für ein Osterfrühstück!“, Mama war empört. „Jetzt gibt er wenigstens Ruhe“, sagte Papa und ließ Simmerl essen. Mama stöhnte, sackte im Kirchenstuhl zurück und hörte, wie ein Mann in der Sitzbank hinter ihnen raunte: „So sind sie, die Zugereisten! Keine Ahnung von Brauchtum!“

© Christel Schuster

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