Die Spendenaffäre

Heute war Tag der offenen Tür an Simmerls Schule. Gerade noch rechtzeitig schafften es die Schusters, halbwegs pünktlich zu sein. Papa Schuster hatte eigentlich keine Lust, Simmerl auch nicht. Mama Schuster sagte, das gehört sich, dass man da hingeht und Mitzerl war die einzige, die sich auf den Tag freute. Kaum in der Schule angekommen, suchte sie sich einen Platz, um ein Lesezeichen zu basteln. Simmerl latschte missmutig zu seiner Gruppe. Anstecker musste er verkaufen, zugunsten eines Hilfsprojektes für ein Entwicklungsland. Papa Schuster stapfte auf Mamas Anweisung in die Aula. Er sollte den Kuchen abliefern. Mit gebeugtem Kopf schlenderte Mama Schuster durch die Schule. Simmerl war bekannt wie ein bunter Hund und sie verspürte keine Lust, sich über seine Schandtaten unterhalten zu müssen. Erst kürzlich wurde sie in die Sprechstunde zitiert. „Ihr Kind bekommt einen Einzelplatz. Es ist mir völlig schleierhaft, wie er von der letzten Bank aus bis in die erste Reihe durchkommunizieren kann“, nur ungern erinnerte sich Mama Schuster an die vorwurfsvollen Worte von Frau Kogler.
Jedenfalls hatte es Mama Schuster nun gut eine dreiviertel Stunde geschafft, unerkannt durch das Gebäude zu laufen, als plötzlich Simmerl vor ihr stand. „Woher hast du das Eis?“ Ihr schwante nichts Gutes und ihr Magen zog sich zusammen. „Wir haben beschlossen, dass wir uns ein wenig Geld aus der Spendenbox nehmen. Schließlich sind fast alle Anstecker verkauft.“ „Bist du verrückt?“, Mama Schuster drehte sich nach allen Seiten. Sie wollte sicher sein, dass niemand das Gespräch mithörte. „Wie viel Geld habt ihr rausgenommen?“ Doch Simmerl war schon wieder verschwunden. Er trollte sich zu Papa in die Aula. Er musste ihm sofort erzählen, dass er Mama gerade ganz arg auf den Arm genommen hatte.
Mama Schuster indes schlich wie ein Indianer durch das Schulhaus. Sie vermutete die Spendenbox in Simmerls Klassenzimmer. Die Türe war nur angelehnt und schnell huschte sie hinein. Auf dem Lehrerpult stand tatsächlich die selbstgebastelte Schachtel mit Schlitz. Sie kramte in ihrer Tasche und überlegte, ob sie einen Fünfer oder Zehner reinstopfen sollte. „Was machen Sie denn da?“ Erschrocken fuhr Mama Schuster zusammen, stopfte blindlings einen Schein in die Box und stammelte: „Entschuldigung. Ich bin auf der Suche nach meinem Sohn.“ „Ach ja, die Frau Schuster“, Frau Kogler schnaufte arrogant. Mama Schuster wischte an ihr vorbei und erst als sie sich in Sicherheit wiegte, schaute sie auf die Scheine, die sie noch in Händen hielt: Verdammt! Jetzt habe ich den Fünfziger reingestopft! Saugrantig machte sie sich auf die Suche nach ihrer Familie. Aber dass sie die Spendenbox heimlich aufgefüllt hatte, davon sagte sie nichts.
Tags darauf saß die Familie beim Mittagstisch und Simmerl wetterte: „Die ist unmöglich! Anstatt dass sie sich freut, will sie einen Elternbrief rausgeben!“ „Wer will einen Elternbrief schreiben? Und warum?“ Mama Schuster schaufelte Spagetti auf Papas Teller und reichte Mitzerl noch eine Schöpfkelle Hackfleischsoße. „Ja wegen der Spendenbox. Das Geld stimmt nicht.“ „Sind sie euch draufgekommen wegen dem Eis?“, hakte Mama Schuster nach. „Mensch Mama, das habe ich doch nur gesagt, um dich zu ärgern. Wir haben kein Geld aus der Kasse genommen. Annas Mama hat uns eingeladen.“ Mama Schuster verschluckte sich. Sie hüstelte und fragte weiter: „Aber was ist dann das Problem?“
Die Elternbeiratsvorsitzende, die Frau Ehrbacher, glaubt, wir haben jemanden betrogen oder falsch gewechselt. Und weil wir eine ehrliche Schule sind, deswegen mag sie jetzt den Fünfziger zurückgeben. Mama Schuster nestelte nervös am Geschirrtuch. Papa Schuster lehnte sich zurück. Er blickte Mama an und meinte: „Ja, wer traut schon wem in der heutigen Zeit, nicht wahr?“ Sein Grinsen wurde immer breiter und an Simmerl gewandt sagte er: „Du kannst morgen länger schlafen. Mama wird dich in die Schule fahren. Außerdem muss sie auch noch auf die Bank, weil sie das Haushaltsgeld schon fast ausgegeben hat.“

© Christel Schuster

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