Die Schusters machen Urlaub

Das war eine Aufregung! Die Schusters machten Urlaub. Mama brauchte ungefähr drei Jahre, um ihren Wunsch durchzusetzen. Da war zum einen Papa, der meinte: „Warum soll ich einen Haufen Geld ausgeben, wenn ich doch vorher schon weiß, dass es daheim am schönsten ist.“ Und Sohn Simmerl: „Meine Werkzeuge bekomme ich nie und nimmer in den Koffer!“ Aber das war ein anderes Thema. Mama erlaubte es ohnehin nicht, weil sie befürchtete, sie würden nicht durch die Kontrollen am Flughafen kommen. Also inspizierte sie Simmerls Koffer höchstpersönlich noch am Abreisetag. Töchterchen Mitzerl dagegen freute sich mit Mama auf den Urlaub. Auch Papas Aussage, sie könnte doch mit Mama alleine ein paar Tage in den Bayerischen Wald fahren, gefiel ihr.
Die Fahrt zum Flughafen wurde für Mamas Nerven zur Zerreißprobe. Papa jammerte, wie viel Arbeit liegen bleiben würde und er nach dem Urlaub doppelt hackeln müsste. Simmerl, ganz klar Papas Meinung, grantelte ununterbrochen, dass seine Freunde nun das Baumhaus ohne ihn bauen und er am Ende dann die Drecksarbeit, also übrige Bretter wieder aufräumen und solche langweiligen Sachen, machen müsste. Mitzerl trällerte ein Liedchen und Mama zerfleischte innerlich ihre Lippen, so fest biss sie die Zähne zusammen. Um keinen Preis wollte sie eine unbedachte Bemerkung fallen lassen. Papa und Simmerl warteten ja nur darauf, dass sie sagte: Kehren wir um. Bleiben wir daheim. Der Nachtflug war billiger und die Schusters landeten deshalb um vier Uhr morgens im Urlaubsland. Es dauerte, bis sie einen Taxifahrer auftrieben und als sie am Hotel eintrafen, da dauerte es nochmal, bis sich jemand in der Rezeption einfand. Endlich im Zimmer, ließ sich Papa sofort auf ein Bett fallen und innerhalb weniger Sekunden war er eingeschlafen. Während er selenruhig vor sich hinschnarchte, versuchte Mama Schuster die Kinder zu bändigen. Voll übernächtigt sprangen sie in ihren Bettchen Trampolin, sausten hin und her, T-Shirts, kurze Hosen und Handtücher flogen durch die Luft, die Badezimmertüre knallte mehrmals lautstark ins Schloss und erst der Bestechungsversuch von Mama: „Ich kaufe euch morgen drei Eis“, schaffte endlich die nötige Ruhe.
„Maaaammmmaaaa! Ich muss mal!“, Simmerl rüttelte am nächsten Morgen wie wild Mamas Arm: „Die Badezimmertüre geht nicht auf!“ Mama rieb sich die Augen und quälte sich aus dem Bett. Auf dem Nachttischchen fand sie einen Zettel von Papa: Musste aufstehen. Das Kreuz tut mir weh von der schlechten Matratze. Bin spazieren. Mama stolperte über Koffer und Kleidungsstücke und tatsächlich, die Türe zur Toilette ließ sich nicht öffnen. Mama grübelte. Das verriet ihr gerunzeltes Gesicht. Indes lief Simmerl schon rot an, so fest presste er seine Pobacken zusammen. „Ich laufe zur Rezeption und hole Hilfe“, und weg war Mama. Simmerl stieg von einem Bein auf das andere: Wie lange dauert das denn? Ihm taten schon die Arschbacken weh. Mittlerweile war auch Mitzerl aufgewacht. Schnell erkannte sie Simmerls Problem und schob ihm den Abfalleimer hin: „Wenn du musst, dann musst du.“ Ohne groß nachzudenken pflanzte sich Simmerl auf den Abfalleimer und sagte noch zu Mitzerl: „Wenn Mama schimpft, dann sage ich, dass es deine Idee war.“ Er ließ sich von seiner Schwester noch ein Taschentuch reichen und gab seiner Notdurft endlich nach. Als die beiden dann am Bettrand saßen und auf Mama warteten, sagte Mitzerl: „Die Cola-Flasche hättest vorher schon noch raus tun können.“ Es waren bestimmt noch zehn Minuten vergangen, bis Mama ins Zimmer wirbelte. „Jetzt pressiert es nimmer“, sagte Simmerl. Auch Papa kam von seinem Spaziergang zurück, rümpfte die Nase und grummelte: „Hier stinkt es wie daheim, wenn der Nachbar seine Gülle ausfährt! Und dafür sprengst du uns um die halbe Welt! Das hätten wir daheim umsonst gehabt.“

© Christel Schuster

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