Die neue Unterhose

© Christel Schuster

„Die hat so viel Geld gekostet! Und jetzt zieht er sie nicht an!“ Mama Schuster werkelte mit zurückgekrempelten Ärmeln im Garten. Dicht auf den Fersen war ihr die Haidner Oma. Simmerl hatte jüngst seinen Geburtstag gefeiert. Der modebewusste Bub wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Unterhose mit breitem Gummiband, auf dem ein Markenname steht. Zur Zeit trugen nämlich alle Jungs den Hosenbund knapp unter dem Po und die Unterhose musste rausschauen. Mamas Standardsatz: „Zieh deine Hose rauf!“, ließen Simmerl zur Teflonpfanne werden und Mamas Worte perlten einfach ab. Mama konnte es überhaupt nicht leiden, wenn der Sparschlitz zu sehen war.
„Jetzt sag doch endlich was! Die Unterhose ist eine gute Qualität. Die zwickt nicht und die kann er tragen, bis er 30 ist, so gut ist die verarbeitet“, die Haidner Oma raufte sich die Haare. Simmerls Undankbarkeit brachten sie richtig in Rage. „Oder hast du die neue Unterhose verwaschen? Das schaut dir gleich, dass du auf die guten Sachen nicht aufpasst!“ Mama Schuster schnaufte durch, drückte das Unkraut in Händen so fest zusammen, dass es wohl ohnehin abgestorben wäre. Unter höchstmöglicher Anstrengung brachte sie beherrscht heraus: „Nein. Natürlich nicht. Sie liegt gewaschen und gebügelt in seinem Schrank. Ich werde ihn fragen, warum er sie nicht anziehen möchte.“ Die Haidner Oma gab sich vorerst zufrieden und dampfte ab.
Gleich beim Abendessen wollte Mama dann von Simmerl wissen: „Du, warum ziehst du denn die neue Unterhose von der Oma nicht an? Sie würde sich so sehr freuen.“ Simmerl trippelte mit den Fingern auf den Tisch, neigte den Kopf und flüsterte: „Mensch Mama, ich kann doch keine Unterhose anziehen, wo Schisser draufsteht!“ Papa Schuster lachte hellauf und sagte: „Wenn du und Mitzerl eine Unterhose anzieht, wo Scheißerin draufsteht, dann soll Simmerl seine auch anziehen!“ Die Schuster Mama war perplex und gab Ruhe. Schließlich würde sie selbst diese Unterhose auch nicht anziehen. Sie grübelte noch, ob sie das vielleicht überlesen hatte. Doch so genau hatte sie sich die Unterhose nicht angesehen. Allein schon deswegen, weil sie gegen den „Hose-unterm-Arsch-Trend“ war. Also, Thema erledigt.
Doch am nächsten Vormittag stapfte die Haidner Oma wieder in den Garten: „Und? Warum mag er die teuere Unterhose nicht anziehen?“ Mama Schuster runzelte die Stirn und stellte eine Gegenfrage: „Sag mal, wo bekommt man eigentlich Unterhosen her, wo Schisser draufsteht?“ „Was! Ja so ein Grampf!“ Erbost fauchte die Haidner Oma: „Das ist eine Schiesser-Unterhose! Und die gibt es schon seit 1875. So eine gute Qualität kennt ihr jungen Leute wohl nicht mehr!“

© Christel Schuster

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